Das Schwarze

Es soll ja Leute geben, die gehen gerne zum Arzt. Emmerich gehört eindeutig nicht zu dieser Gattung Mensch. Man könnte ja etwas feststellen, das über einen Männerschnupfen hinausgeht …

Das Schwarze

Emmerich steht nackt und bloß
vorm Hautarzt, dessen Auge groß
durch eine Lichterlupe blickt. 
Emmerich macht das verrückt!
Er wird nicht gern auf diese Art
so gänzlich schamlos angestarrt. 

"Hui", sagt der Arzt um schaut bedenklich,
dem Emmerich wird plötzlich kränklich,
"da ist was Schwarzes, sieht schlecht aus,
das schneiden wir wohl besser raus. 
Komm se in zwei Wochen her,
dann ziehn wir das aus dem Verkehr."

Jetzt heißt es warten, Stund um Stund,
erst auf den Schnitt, dann den Befund. 
Doch glaubt mir, dieses lange Warten
hat nicht so schöne Eigenarten. 
"Dies schwarze Ding", denkt Emmerich 
"ist böse und verbreitet sich!"

So macht sich doch von Zeit zu Zeit
ein dumpfer Schmerz im Kopfe breit,
sein Ohrensausen kommt zurück,
das linke Bein ist etwas dick. 
Mitunter atmet es sich schwer,
vermindert ist auch das Gehör. 

Er ist in letzter Zeit vergesslich 
und sein Magen grummelt grässlich,
nicht zu reden von dem Nacken
und den Gelenken, welche knacken. 
Auch der Verdauungsapparat
schon Besseres geleistet hat. 

Dem Emmerich ist Angst und Bange,
er denkt, er lebt wohl nicht mehr lange. 
Das Schwarze ist schon überall,
es bringt in Kürze ihn zu Fall. 
Und schläft er, sieht er sich im Traum
in einer Urne unterm Baum. 

Doch schlafen tut er nicht mehr viel. 
Er ist nervös und ohne Ziel. 
Dann kommt der Tag als unser Held
zu seinem Doktor wird bestellt. 
Der Gang ist Emmerich sehr schmerzlich,
der Arzt begrüßt ihn ziemlich herzlich. 

"Hallo mein lieber Emmerich,
ihr Aussehn ist ja fürchterlich!
Nun sind sie hier, was ist der Grund?
Wie meinen Sie? ... Ach, ihr Befund. 
Moment ... wo ist er? Ist der weg?
Ach hier: War nur ein Leberfleck."

Die Kraft versagt, es kippt die Welt,
als Emmerich vom Stuhle fällt. 
Der Arzt springt auf, zeigt das Verlangen 
unsren Freund noch aufzufangen. 
Er eilt herbei, doch Emmerich 
begräbt ihn einfach unter sich. 

Nach diesem Tag, wie durch ein Wunder
fühlt Emmerich sich viel gesunder. 
Die Welt ist schön, das Leben toll,
so groß und bunt und wundervoll.  
Doch manchmal, obwohl der jetzt weg,
sieht er den kleinen, schwarzen Fleck. 

Der Fleck, der zeigte ihm schlussendlich:
Das Leben ist nicht selbstverständlich!

Es passieren viele schreckliche Dinge auf der Welt und oft berühren sie uns nicht wirklich. Jeden Tag wird uns vor Augen gehalten, was für ein großes Geschenk unser Leben ist. Und wenn uns schon das Schicksal Anderer meist relativ gleichgültig ist, täten wir vielleicht ab und zu ganz gut daran, uns die eigene Verletzlichkeit ins Gedächtnis zu rufen und unsere Worte und Taten ein wenig mehr an dieser Tatsache auszurichten.

Nächstes Mal betrachten wir uns die zweite von Emmerichs vier Lieblingsjahreszeiten: Den Sommer! Leicht, beschwingt und etwas hitzig 😎

Ein Gedanke zu “Das Schwarze

  1. Marion 9. Juli 2019 / 21:48

    Tja, so ist das mit den Ängsten, nicht nur des Emmerich. Manchmal schaukeln sie sich hoch. Und wenn sie sich als unnötig erweisen, fühlen wir uns mit einem Mal ganz leicht und gut.

    Gefällt 1 Person

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